Tempel und Tempelarbeit

JOSEPH F. SMITH (1838-1918) 6. Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

Joseph F. Smith, der sechste Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, wurde am 13. November 1838 in Far West in Missouri als Sohn des Hyrum Smith und Mary geb. Fielding geboren. Am 27. Juni 1844 erlitten sein Vater und sein Onkel, der Prophet Joseph Smith, in Carthage in Illinois den Märtyrertod. 1846 lenkte er den Wagen seiner Mutter durch Iowa nach Winter Quarters in Nebraska; zwei Jahre später führte er zwei Gespann Ochsen mit dem ganzen Familienbesitz über die Prärie ins Tal des Großen Salzsees. Seine verwitwete Mutter starb am 21. September 1852 in Salt Lake City. Auf der Generalkonferenz im April 1854 wurde Joseph F. Smith, der damals erst 15 Jahre alt war, auf Mission nach Hawaii berufen. Am 1. Juli 1866 wurde er zum Apostel und Ratgeber des Präsidenten der Kirche ordiniert, wurde jedoch als Ratgeber wieder entlassen, als man ihn am B. Oktober 1867 als
Mitglied des Rates der Zwölf einsetzte. Am 10. Oktober 1880 berief ihn John Taylor, der damalige Präsident der Kirche, zu seinem Zweiten Ratgeber. In dieser Eigenschaft war er auch unter Wilford Woodruff und Lorenzo Snow tätig. Am 17. Oktober 1901 wurde er als Präsident der Kirche bestätigt und starb am 19. November 1918 in Salt Lake City. Die im folgenden von ihm geschilderte Vision hatte er am 3. Oktober 1918; sie wurde am 31. Oktober 1918 seinen Ratgebern, dem Rat der Zwölf und dem Patriarchen der Kirche vorgelegt, die sie einstimmig anerkannten.
Am 3. Oktober 1918 saß ich in meinem Zimmer, vertiefte mich in die heilige Schrift und dachte über das Sühnopfer nach, das der Sohn Gottes für die Erlösung der Welt dargebracht hatte, ferner über die wunderbare Liebe des Vaters und des Sohnes, die sich darin äußerte, daß der Heiland auf die Erde kam, damit durch sein Sühnopfer und weil
er den Prinzipien des Evangeliums gehorsam war, die Menschen erlöst würden.
Während dieser Beschäftigung fielen mir die Briefe des Apostels Petrus an die Heiligen ein, die verstreut in Pontus, Galatien, Kappadozien und anderen Gebieten in Kleinasien lebten, wo nach der Kreuzigung des Erlösers das Evangelium verkündet worden war. Ich schlug die Bibel auf und las im ersten Brief des Petrus das dritte und vierte Kapitel, und mehr als je zuvor beeindruckten mich die folgenden Stellen:
„Denn auch Christus ist einmal für eure Sünden gestorben, der Gerechte für die Ungerechten, auf daß er euch zu Gott führte, und ist getötet worden nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist.
In demselben ist er hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, die vorzeiten nicht glaubten, da Gott harrte und Geduld hatte zu den Zeiten Noahs, da man die Arche zurüstete, in welcher wenige, das ist acht Seelen, gerettet wurden durchs Wasser hindurch (1. Petrus 3:18-20)."
„Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, auf daß sie zwar nach der Menschen Weise am Fleisch gerichtet werden, aber nach Gottes Weise im Geist das Leben haben(1. Petr. 4:6)”
Als ich über diese Worte in der Schrift nachdachte, wurden mir die Augen geöffnet, und der Geist des Herrn ruhte auf mir: Ich erblickte das Heer der Verstorbenen, Große und Kleine. An einem Ort war eine unzählbare Menge der Geister versammelt, die gerecht waren und dem Zeugnis Jesu treu blieben, solange sie auf Erden gelebt hatten. Es waren diejenigen, die Opfer dargebracht hatten nach dem Beispiel des großen Opfers des Gottessohnes und die um des Heilands Namen willen Trübsal erdulden hatten müssen. Sie waren mit der festen Hoffnung aus dem Leben geschieden, daß sie durch die Gnade Gottes des Vaters und seines einziggezeugten Sohnes Jesus Christus herrlich auferstehen würden.
Ich sah, daß sie voll Freude und Glückseligkeit waren und miteinander frohlockten, weil der Tag ihrer Befreiung nahe war. Sie hatten sich zusammengefunden und warteten darauf, daß der Sohn Gottes in die Geisterwelt komme, um ihnen die Befreiung aus den Banden des Todes zu verkündigen. Das, was an ihnen sterblich gewesen war, würde wieder zu vollkommener Gestalt zusammengefügt werden, Bein zu Bein und darauf Sehnen und Fleisch, so daß Geist und Leib wiedervereinigt werden könnten und nie mehr voneinander getrennt werden würden; und auf diese Weise würden sie eine Fülle der Freude empfangen.
Während diese ungeheure Menge wartete und man miteinander redete und sich auf die Stunde der Befreiung aus den Fesseln des Todes freute, erschien der Sohn Gottes, verkündigte den Gefangenen, die treu geblieben waren, die Freiheit und predigte ihnen dort das ewige Evangelium, die Lehre von der Auferstehung und Erlösung der Menschen vom Fall und — sofern sie umkehren — auch von den eigenen Sünden. Aber zu den Schlechten ging er nicht, und bei den Gottlosen und Unbußfertigen, die sich während des Erdendaseins verunreinigt hatten, war seine Stimme nicht zu hören. Auch die Widerspenstigen, die das Zeugnis und die Warnungen der alten Propheten verworfen hatten, konnten seine Gegenwart nicht sehen und sein Angesicht nicht schauen. Wo sie sich befanden, dort herrschte Finsternis, aber unter den Gerechten war Friede, und die Heiligen freuten sich über die Erlösung, beugten die Knie und priesen den Gottessohn als Erlöser und Befreier vom Tod und den Ketten der Hölle. Ihr Antlitz strahlte, und der Glanz der Gegenwart des Herrn ruhte auf ihnen, und sie brachten seinem heiligen Namen Lobgesänge dar.
Ich war verwundert, denn ich wußte, daß der Heiland etwa drei Jahre unter den Juden und denen vom Haus Israel gewirkt hatte, um ihnen das ewige Evangelium zu verkündigen und sie zur Umkehr zu rufen. Und doch gab es, ungeachtet seiner großen Wundertaten und seiner mit Kraft und Autorität vorgetragenen Verkündigung der Wahrheit, nur einige wenige, die auf seine Stimme gehört, sich seiner Gegenwart erfreut und aus seinen Händen ihre Erlösung empfangen hatten. Aber seine Tätigkeit unter den Verstorbenen war auf die kurze Zeit zwischen Kreuzigung und Auferstehung beschränkt, und ich wunderte mich über die Worte des Petrus, der sagte, Gottes Sohn habe den Geistern im Gefängnis gepredigt, die vorzeiten ungehorsam waren, da Gott harrte und Geduld hatte zu den Zeiten Noahs. Ich fragte mich, wie es möglich war, daß er diesen Geistern predigte und die notwendige Arbeit verrichtete — alles in so kurzer Zeit.
Als ich so nachdachte, wurden mir die Augen geöffnet, mein Verständnis wurde belebt, und ich erkannte, daß nicht der Herr persönlich zu den Bösen und Ungehorsamen ging, die die Wahrheit verworfen hatten, um sie zu belehren; sondern er sammelte sich aus den Reihen der Gerechten seine Sendboten, gab ihnen Kraft und Vollmacht und gab ihnen den Auftrag, hinzugehen und das Licht des Evangeliums zu denen zu bringen, die im Dunkel waren, ja, zu den Geistern aller Menschen. Und auf diese Weise wurde den Verstorbenen das Evangelium gepredigt. Die auserwählten Boten gingen hin und verkündigten den gnädigen Tag des Herrn und taten den Gefangenen, die gebunden waren, die Freiheit kund, all denen, die umkehren und das Evangelium annehmen wollten. So wurde das Evangelium denen gepredigt, die in ihren Sünden gestorben waren, ohne die Wahrheit zu kennen, oder die Übertretungen begangen hatten, indem sie die Propheten verwarfen. Ihnen wurde der Glaube an Gott gelehrt, die Buße für ihre Sünden, die stellvertretende Taufe zur Vergebung der Sünden, die Gabe des Heiligen Geistes durch Händeauflegen und alle übrigen Evangeliumsprinzipien, die sie kennenlernen mußten, um nach Menschenweise im Fleisch gerichtet werden zu können, aber nach der Weise Gottes das Leben zu haben.
Und so wurde es unter den Verstorbenen, den kleinen und den großen, den bösen ebenso wie den getreuen, kundgetan, daß die Erlösung durch das Opfer des Gottessohnes auf dem Kreuz zustande gebracht worden war. So wurde kund, daß unser Heiland seine Zeit in der Geisterwelt damit zubrachte, daß er die getreuen Geister der Propheten, die während ihres irdischen Lebens von ihm gezeugt hatten, unterwies und vorbereitete, so daß sie die Botschaft von der Erlösung zu all den Verstorbenen brächten, die er selbst wegen ihrer Widerspenstigkeit und Übertretung nicht besuchen konnte; denn auch diese sollten durch das Wirken seiner Diener von seinem Wort hören.
Unter den Großen und Mächtigen, die in der ungeheuren Menge der Gerechten versammelt waren, befanden sich Adam, der Alte der Tage, der Vater aller Menschen, und auch unsere glorreiche Stammutter Eva mit vielen ihrer getreuen Töchter, die im Lauf der Zeit gelebt und den wahren, lebendigen Gott verehrt hatten. Abel, der erste Märtyrer, war da und sein Bruder Seth, einer der Mächtigen, seinem Vater Adam gleich und nach seinem Bilde; ferner Noah, der vor der großen Flut gewarnt hatte; Sem, der große Hohepriester; Abraham, der Vater der Gläubigen; Isaak und Jakob; und Mose, der Gesetzgeber Israels; Jesaja, der prophetisch verkündet hatte, der Erlöser sei gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die gebrochenen Herzen zu verbinden und zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, daß sie frei und ledig sein sollen — auch er war dort.
Außerdem war Hesekiel anwesend, dem in einer Vision ein weites Feld voller Totengebeine gezeigt worden war, aber sie sollten wieder von Fleisch bedeckt und mit Haut umgeben werden, so daß sie in der Auferstehung als lebendige Seelen hervorkommen würden; Daniel, der die Aufrichtung des Gottesreiches in den Letzten Tagen vorhersah und voraussagte, des Reiches, das nimmermehr zerstört wird; Elia, der zusammen mit Mose auf dem Berg der Verklärung erschienen war; Maleachi, der Prophet, der das Kommen des Elia prophezeit hatte — von dem auch Moroni zum Propheten Joseph sprach —, wobei gesagt wurde, er werde kommen, ehe der große und schreckliche Tag des Herrn anbräche; dieser Prophet Elia solle die den Vätern gemachten Verheißungen den Söhnen ins Herz pflanzen — ein Ausblick auf die Arbeit, die in der Evangeliumszeit der Erfüllung in den Tempeln des Herrn getan werden müsse, damit die Verstorbenen erlöst und die Kinder an ihre Eltern gesiegelt werden könnten und damit nicht die ganze Erde mit dem Bann geschlagen werde.
Alle diese und viele andere, auch die Propheten, die bei den Nephiten gelebt und das Kommen des Gottessohnes prophezeit hatten, waren in dieser riesigen Versammlung anwesend und warteten auf ihre Befreiung, denn die Verstorbenen betrachteten die lange Trennung des Geistes vom Leib als eine Gefangenschaft. Sie alle belehrte der Herr und er gab ihnen Macht, nach seiner Auferstehung hervorzukommen, in das Reich seines Vaters einzugehen und dort mit Unsterblichkeit und ewigem Leben gekrönt zu werden; dann sollten sie mit ihrer Arbeit fortfahren, wie es vom Herrn verheißen worden war, und all die Segnungen genießen, die denen vorbehalten sind, die Gott lieben.
Der Prophet Joseph Smith und mein Vater, Hyrum Smith, ferner Brigham Young, John Taylor, Wilford Woodruff und andere erwählte Geister, die für die Evangeliumszeit der Erfüllung vorgesehen worden waren, damit sie sich an der Gründung des großen Werkes in den Letzten Tagen beteiligten, wozu auch der Bau von Tempeln und darin der Vollzug heiliger Handlungen zur Erlösung Verstorbener gehört, waren ebenfalls in der Geisterwelt anwesend. Ich bemerkte, daß sie sich unter den Edlen und Großen befanden, die von Anfang an als Führer in der Kirche Gottes ausersehen worden waren. Schon vor ihrer irdischen Geburt empfingen sie mit vielen anderen den ersten Unterricht in der Geisterwelt und wurden darauf vorbereitet, zu der vom Herrn bestimmten Zeit aufzutreten und in seinem Weinberg für die Erlösung von Menschenseelen zu arbeiten.
Ich sah, daß die treuen Ältesten unserer Evangeliumszeit nach dem Hinscheiden aus dem irdischen Leben, mit ihrer Arbeit fortfahren und das Evangelium predigen, das Evangelium der Umkehr und der Erlösung durch das Opfer des einziggezeugten Sohnes Gottes. Sie verrichteten ihre Arbeit unter denen, die in Finsternis leben und Gefangene der Sünde sind, dort in der Welt der Geister der Verstorbenen. Die Verstorbenen, die sich bekehren, werden erlöst werden, wenn sie die im Hause des Herrn für sie vollzogenen Verordnungen annehmen, und sobald sie die Strafe für ihre Übertretungen abgebüßt haben und reingewaschen sind, werden sie einen Lohn entsprechend ihren Werken erhalten; denn sie sind Erben der Erlösung.
So wurde mir die Vision von der Befreiung der Verstorbenen offenbart, und ich bezeuge und weiß, daß dieser Bericht wahr ist durch den Segen unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. So sei es. Amen.
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