Tempel und Tempelarbeit

Der neue Tempel in Washington leuchtet wie ein Leitstern aber der größte Leitstern für andere sollte unsere Lebensweise sein

Rede auf der 144. Herbst-Generalkonferenz, 6. Oktober 1974


Meine Brüder und Schwestern, vor kurzem hatte ich ein großes Erlebnis. Zusammen mit anderen stand ich mehrere Tage lang am Eingang des Tempels in Washington, um besondere Gäste willkommen zu heißen. Dazu gehörten die Frau des Präsidenten der Vereinigten Staaten, einige Richter des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten, Senatoren und Kongreßabgeordnete, die Botschafter verschiedener Länder, Geistliche, Vertreter der Schulen und Hochschulen und führende Geschäftsleute. Seit jener Woche für die besonderen Gäste sind andere Besucher — insgesamt über 300 000 — gekommen, um sich dieses heilige Bauwerk anzusehen.

Zeitungen und Zeitschriften haben dem Tempel breite Spalten eingeräumt, und Radio und Fernsehen haben darüber ausführlich berichtet. Es ist unwahrscheinlich, daß irgendeinem anderen Gebäude, das in den letzten Jahren im Osten der Vereinigten Staaten gebaut worden ist, so große Aufmerksamkeit zuteil geworden ist.

Fast ausnahmslos haben alle Besucher ihre Wertschätzung und Ehrerbietung zum Ausdruck gebracht. Viele sind tief beeindruckt gewesen. Mrs. Ford sagte beim Verlassen des Tempels: „Es ist wirklich ein großartiges Erlebnis für mich ... es war für alle sehr aufbauend.”

Als ich so mehrere Tage in diesem heiligen Bauwerk stand und vielen Prominenten des Landes und der Welt die Hand gab, gingen mir wiederholt zwei Gedanken durch den Kopf. Der eine betraf die Vergangenheit. Der andere befaßte sich mit der Gegenwart und der Zukunft.

Während ich zusah, wie sich die First Lady Amerikas zusammen mit Präsident Kimball fotografieren ließ, gingen meine Gedanken 135 Jahre zurück. Die Mitglieder der Kirche waren damals gerade in Commerce in Illinois eingetroffen. Obdachlos und hungernd sahen sie dem Winter entgegen, der bald darauf einsetzte. Sie waren aus Missouri vertrieben worden und über den Mississippi geflohen, um in Illinois Asyl zu finden. Dort, wo der Fluß eine große Biegung beschreibt, hatten sie ein Stück Land gekauft. Die Lage war schön, aber das Land war so sumpfig, daß kein Ochse hindurch konnte, ohne im Schlamm steckenzubleiben. Aus diesem Ort wurde dann nach gewaltigen Anstrengungen und großen Opfern die schöne Stadt Nauvoo. Aber im Jahre 1839 war Commerce zunächst nur ein Treffpunkt von Tausenden, die aus ihren Häusern vertrieben worden waren und nun kein Zuhause mehr hatten. Sie hatten die Früchte jahrelanger Arbeit zurücklassen müssen — Häuser und Scheunen, Kirchen und öffentliche Gebäude und Hunderte von ertragreichen Farmen. Darüber hinaus hatten sie unter der Erde Missouris viele ihrer Lieben zurückgelassen, die vom Pöbel ermordet worden waren. Nun waren sie in bitterem Elend und völlig mittellos. Von Missouri konnten sie keine Wiedergutmachung erwarten. So entschlossen sie sich, eine Bittschrift beim Präsidenten und beim Kongreß der Vereinigten Staaten einzureichen. Joseph Smith und Elias Higbee erhielten den Auftrag, nach Washington zu gehen.

Sie verließen Commerce am 20. Oktober 1839 in einer leichten Pferdekutsche. Fünf Wochen später kamen sie in Washington an. Den ersten Tag verbrachten sie größtenteils damit, eine Unterkunft zu suchen, die sie sich leisten konnten. In einem Brief an Hyrum Smith schrieben sie: „Wir haben die billigste Unterkunft gefunden, die es in dieser Stadt überhaupt gibt'.”

Sie gingen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten und legten ihr Anliegen dar. Darauf erwiderte dieser: „Meine Herrn, Ihr Anliegen ist berechtigt, aber ich kann nichts für Sie tun . . . Wenn ich mich für Sie einsetze, verliere ich die Stimmen von Missouri.”

Sie wandten sich daraufhin an den Kongreß. In den nun folgenden Wochen der Enttäuschung kehrte Joseph Smith nach Commerce zurück, wobei er den größten Teil des Weges auf dem Pferd zurücklegte. Richter Higbee, der in Washington blieb, um weiterhin ihre Sache zu vertreten, erhielt schließlich die Auskunft, daß der Kongreß nichts unternehmen könnte.

Wie weit ist die Kirche seit dem Jahre 1839, als Joseph Smith in Washington abgewiesen wurde, und 1974, wo Spencer W. Kimball willkommen geheißen und geehrt wird, in der Achtung und im Vertrauen der Regierungsvertreter gestiegen. Das waren im wesentlichen die ersten und letzten Kapitel meiner Gedanken in diesen vergangenen schönen Tagen im Tempel von Washington.

Und zwischen diesem ersten und letzten Kapitel überkreuzten sich die Fäden einer ganzen Reihe anderer Gedanken, angefangen beim Tode von Joseph und Hyrum Smith an jenem düsteren 27. Juni 1844, über die Zerstörung Nauvoos; die langen Wagenzüge, die den Fluß überquerten, um ins Iowa-Territorium zu gelangen; die Lager im Schnee und Matsch in jenem schicksalsschweren Frühjahr 1846; Winter Quarters am Missouri und der schweren Diphterie, dem Fieber und der Seuche, die die Reihen dezimierte, bis hin zu der Einberufung von Männern in die Armee durch die gleiche Regierung, die sich vorher auf ihre Bittgesuche hin taub gestellt hatte. Ich mußte auch an den von Gräbern flankierten Weg entlang des Elkhorn, des Platte und des Sweetwater Flusses über den Südpaß und dann in dieses Tal denken; an die Zehntausende, die den Osten und England verließen, um sich ihren langen Weg nach Westen zu bahnen. Einige von ihnen zogen Handkarren hinter sich her, und viele starben im Winter in Wyoming; an das endlose Ausroden der Beifußsträucher in diesen Tälern; an das Graben von kilometerlangen Gräben, um Wasser in den durstigen Boden zu leiten. Ich mußte an die jahrzehntelangen, dem Fanatismus entsprungenen Beschimpfungen und Schmähungen gegen uns denken; an den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte unter Gesetzen, die in diesem gleichen Washington erlassen und von Vollzugsbeamten, die vom Sitz der Bundesregierung ausgesandt worden waren, in Kraft gesetzt wurden. Das sind alles Kapitel, die zu dieser Geschichte gehören.

Gott sei gedankt, daß diese harten Zeiten vorbei sind. Gedankt sei auch denen, die durch dieses Prüfungsfeuer hindurch standhaft geblieben sind. Was für einen Preis, was für einen schrecklichen Preis haben sie bezahlt, und wir sind heute die Nutznießer. Wir täten gut daran, das nie zu vergessen, meine Brüder und

Schwestern. Dank gebührt denen, die durch ihr tugenhaftes Leben seither unserem Volk ein neues Maß an Achtung verschafft haben. Gedankt sei für eine bessere Zeit, wo größeres Verständnis herrscht und der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage allseits großzügige Anerkennung zuteil wird.

Das waren meine Gedanken, als ich vielen von den Tausenden, die aus Neugier zum Tempel in Washington gekommen waren und die mit Dankbarkeit und sogar mit Tränen in den Augen wieder gingen, die Hand gab.

Aber diese Gedanken bezogen sich hauptsächlich auf die Vergangenheit. Es gab aber noch andere, die sich mit der Gegenwart und der Zukunft beschäftigten. Als ich eines Tages auf der Umgehungsstraße im dichten Verkehr fuhr, blickte ich mit Bewunderung — und so wird es wohl allen ergehen, die auf dieser Autobahn fahren — auf die strahlenden Türme des Washington-Tempels, die von einem bewaldeten Hügel himmelwärts emporragen. Worte aus der heiligen Schrift kamen mir in den Sinn, Worte, die der Herr gesprochen hatte, als er auf dem Berg stand und das Volk belehrte und sagte:

„Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.

Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.

So soll euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen(Matth. 5:14-16).”

Nicht nur der Tempel in Washington, sondern wir alle als Mitglieder der Kirche sind wie eine Stadt auf einem Berg geworden, die nicht verborgen sein kann.

Manchmal nehmen wir Anstoß, wenn jemand, der dem Namen nach unserer Kirche angehört, an einem Verbrechen beteiligt ist, und die Presse sehr schnell darauf hinweist, daß es sich um einen Mormonen handelt. Wir sagen dann unter uns, wenn er Mitglied irgendeiner anderen Kirche

gewesen wäre, wäre es überhaupt nicht erwähnt worden.

Aber ist nicht gerade dieses Vorgehen ein indirektes Lob für uns? Die Welt erwartet etwas Besseres von uns, und wenn einer von uns strauchelt, ist die Presse schnell zur Stelle, um darauf hinzuweisen. Wir sind in der Tat eine Stadt auf dem Berg geworden, um von der Welt gesehen zu werden. Wenn wir das sein wollen, was der Herr von uns erwartet, müssen wir tatsächlich „das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums [sein], daß [wir] verkündigen ... die Wohltaten des, der [uns] berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht (1. Petr. 2:9).”

Wenn die Welt ihren gegenwärtigen Kurs nicht ändert (und das ist nicht sehr wahrscheinlich) und wenn wir andererseits fortfahren, die Lehren der Propheten zu befolgen, werden wir in zunehmendem Maße zu einem besonderen Volk mit unverkennbaren Merkmalen, von dem die Welt Notiz nehmen wird. Einige Beispiele: Während der Zusammenhalt der Familie unter dem weltlichen Druck zerbricht, wird unsere Haltung gegenüber der Heiligkeit der Familie immer offensichtlicher und hebt uns immer mehr von der Welt ab, wenn wir den Glauben haben, bei dieser Haltung zu bleiben.

Während die Moral immer schwächer und nachlässiger wird, stellt sich die Lehre der Kirche, wie sie seit mehr als einem Jahrhundert konsequent verkündet wird, immer einzigartiger und für viele sogar fremd dar.

Während der Alkoholkonsum jährlich zunimmt, wird unsere Stellung, die der Herr vor mehr als einem Jahrhundert festgelegt hat, der Welt immer ungewöhnlicher erscheinen.

Während der Staat in zunehmendem Maße die Last auf sich nimmt, für alle menschlichen Bedürfnisse zu sorgen, wird die Unabhängigkeit unserer Sozialdienste und die Lehre, die dieser Haltung zugrunde liegt, immer einzigartiger.

Während der Sonntag mehr und mehr zweckentfremdet wird, werden diejenigen, die das Gesetz, das vom Finger des Herrn auf dem Berg Sinai geschrieben und das durch neuzeitliche Offenbarung bekräftigt worden ist, befolgen, immer ungewöhnlicher erscheinen.

Es ist gewiß nicht immer leicht, in der Welt zu leben und doch nicht ein Teil von ihr zu sein. Wir können nicht vollkommen unter uns bleiben und nur für uns leben, und das wäre auch nicht wünschenswert. Wir müssen vielmehr mit den anderen Menschen Umgang haben. Wenn wir uns so verhalten, können wir uns ganz frei fühlen und brauchen andere nicht zu verletzen. Wir können jede Form von Selbstgerechtigkeit vermeiden. Aber wir können an unseren Grundsätzen festhalten. Von Natur aus sind wir geneigt, in die andere Richtung zu gehen, und viele haben dem nachgegeben.

Im Jahre 1856, als wir noch ziemlich allein im Tal des Großen Salzsees waren, meinten einige, wir seien sicher vor den Wegen dieser Welt. Solchem Gerede entgegnete Heber C. Kimball, der Großvater unseres geliebten Propheten: „Ich sage Ihnen, meine Brüder, die Zeit kommt, wo wir in diesen jetzt so friedvollen Tälern in einem Maße mit anderen vermischt sein werden, daß es schwer sein wird, das Gesicht eines Heiligen von dem eines Feindes des Volkes Gottes zu unterscheiden. Wenn diese Zeit kommt, Brüder, dann achten Sie auf die große Trennung, denn es wird eine Zeit des großen Aussiebens kommen, und viele werden fallen; denn ich sage Ihnen, es wird eine Prüfung, eine sehr große Prüfung kommen, und wer wird ihr standhalten können5?”

Ich weiß nicht genau, wie diese Prüfung aussehen wird, aber ich neige zu der Ansicht, daß die Zeit jetzt gekommen ist und daß die Prüfung darin besteht, ob wir nach dem Evangelium leben wollen oder ob wir uns nach den Wegen der Welt richten.

Ich trete hier durchaus nicht dafür ein, daß wir uns von der Welt zurückziehen sollen. Im Gegenteil, wir haben die Verantwortung und die Aufgabe, unsere Stellung im Geschäftsleben, in der Wissenschaft, der Politik, der Medizin, im Bildungswesen und in jedem anderen wertvollen und konstruktiven Beruf einzunehmen. Wir haben die Verpflichtung, uns körperlich und geistig•zu schulen, damit wir durch unsere Arbeit in dieser Welt hervorragendes leisten und zum Segen für die ganze Menschheit werden. Dabei müssen wir natürlich mit anderen Menschen zusammenarbeiten. Aber das bedeutet nicht, daß wir unsere Grundsätze aufgeben müssen.

Wir können die Stärke unserer Familie bewahren, wenn wir dem Rat unserer Führer folgen. Und wenn wir das tun, werden uns unsere Mitmenschen voller Hochachtung beobachten und zu der Frage veranlaßt werden, wie wir das machen.

Wir können der Flut der Pornographie und der sexuellen Ausschweifungen widerstehen, die die Lebenskraft der Nationen aushöhlt. Wir können vom Genuß alkoholischer Getränke Abstand nehmen und entschlossen für eine Gesetzgebung eintreten, die den Verkauf von Alkohol und den damit möglichen Einfluß einschränkt. Wenn wir das tun, werden wir andere finden, die ebenso wie wir denken und sich in diesem Kampf uns anschließen.

Wir können selbst besser für unsere Familienangehörigen sorgen, anstatt diese Last dem Staat zu übertragen. Dadurch bewahren wir die Unabhängigkeit und Menschenwürde derer, die Hilfe brauchen und einen Anspruch darauf haben.

Wir können darauf verzichten, am Sonntag einzukaufen. Bei sechs Verkaufstagen in der Woche muß niemand von uns am Sonntag Möbel kaufen. Niemand muß sonntags Kleidung kaufen. Wenn wir ein bißchen besser planten, könnten wir es auch vermeiden, sonntags Lebensmittel zu kaufen.

Wenn wir diese und andere Grundsätze, die die Kirche lehrt, befolgen, werden uns viele Menschen in der Welt dafür achten und die Kraft finden, auch das zu befolgen, was sie im Grunde als richtig erkennen.

Der Prophet Jesaja hat etwas darüber gesagt: ,,Und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen (Jesaja 2:3) "

Wir brauchen unsere Grundsätze nicht preiszugeben. Wir dürfen sie nicht preisgeben.

Das Licht, das der Herr in dieser Evangeliumszeit angezündet hat, kann ein Licht für die ganze Welt werden, und andere, die unsere guten Werke sehen, veranlassen, den Vater im Himmel zu preisen und selbst dem Vorbild nachzueifern, das sie in uns gesehen haben.

Wie sagte doch eine der führenden Persönlichkeiten unseres Landes, als sie neulich abends aus dem Tempel in Washington kam und noch einmal zu den Türmen hinaufblickte: „Dieses wunderschöne Bauwerk ist ein Symbol der Tugenden, die uns zu einer großen Nation und einem großen Volk gemacht haben. Solche Symbole haben wir dringend nötig.”

Es kann noch viel mehr solcher Symbole geben als nur den Tempel in Washington, und sogar noch eindrucksvollere. Wenn jeder von uns bei sich selbst anfängt, kann es ein ganzes Volk geben, das durch die Tugendhaftigkeit seines Lebens in der Familie, im Beruf und in seiner Freizeit wie eine Stadt auf dem Berg wirkt, zu der die Menschen aufblicken und von der sie lernen können. Diese Stadt kann für die Nationen ein Banner werden, bei dessen Anblick die Bewohner der Erde Kraft schöpfen. Ich gebe Zeugnis von ihm, der unser lebendiger Gott ist. Ich gebe Zeugnis von ihm, der unser Erlöser ist. Ich gebe Zeugnis davon, daß dieses Werk die Wahrheit ist. Im Namen des Herrn Jesus Christus. Amen.

Gordon B. Hinckley, Juni 1975
Powered by 20six / MyBlog
Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung