Tempel und Tempelarbeit

Wir alle weinten, als wir an die wundersamen Ereignisse dachten, deren Zeuge wir geworden waren, und an das, was die Kinder versprochen hatten.


Es war fünf Uhr morgens, als mein Mann und ich mit zwei unserer vier Kinder mit unserem kleinen Auto losfuhren. Der Regen klatschte auf die Windschutzscheibe, so daß man kaum die Straße sehen konnte. Doch trotz des schlechten Wetters waren wir in Hochstimmung, denn es war September 1983, und wir waren zur Weihung des Tempels in Santiago in Chile unterwegs.
Mein Mann — Ratgeber in der Bischofschaft hatte zwei Karten für den Weihungsgottesdienst in einem der großen Räume im Tempel bekommen. Igor und Perlita, unsere beiden ältesten Kinder (10 und 9 Jahre alt) durften den Gottesdienst am Fernsehschirm im nahegelegenen Gemeindehaus verfolgen.
Bruder Basualto, der andere Ratgeber in der Bischofschaft, und seine Frau fuhren ebenfalls mit. Sie wollten mit den Kindern im Gemeindehaus bleiben.
Unterwegs erzählte Schwester Basualto von einem Traum, den sie in der Nacht zuvor gehabt hatte: „Mein Mann und ich saßen mit Ihren Kindern im Gemeindehaus und warteten darauf, daß der Gottesdienst anfing. Plötzlich trat ein Türsteher auf uns zu und sagte: ,Kommen Sie bitte mit. Es gibt noch vier freie Plätze im Tempel.' Dann ging er mit uns in den Tempel und ließ uns in der ersten Reihe Platz nehmen. Mir war, als sei das gar kein Traum, sondern Wirklichkeit. Nach dem Gottesdienst schüttelten die Generalautoritäten den Anwesenden die Hand. Einer unterhielt sich auch mit Ihren Kindern.” Während wir ihr zuhörten, zog uns Frieden ins Herz. Draußen regnete es noch immer.
Der Tempel stand ruhig und majestätisch da. Wir spannten einen großen Schirm auf, brachten die Basualtos und die Kinder ins Gemeindehaus und eilten dann in den Tempel, um unsere Plätze einzunehmen. Der Weihungsgottesdienst war wunderschön, und der Heilige Geist war in reichem Maß vorhanden. Selbst heute klingt dieses Gefühl noch in mir nach. Nach dem Gottesdienst sang der Chor dem Herrn weitere Loblieder.
Mein Mann und ich verließen den Tempel und gingen zum Gemeindehaus hinüber, um unsere Kinder und die Basualtos abzuholen. Aber sie waren nirgendwo zu sehen. Besorgt erkundigten wir uns, ob jemand sie gesehen habe. Da sagte man uns: „Kurz vor Beginn des Gottesdienstes hat jemand sie zum Tempel gebracht.” Wir sahen zum Tempel hinüber — da waren sie ja, sie gingen in der Parkanlage spazieren.
Eilig liefen wir aufeinander zu. „Alles war genauso wie in meinem Traum”, rief Schwester Basualto mit Tränen in den Augen. Sie hatten sich so sehr gefreut, daß sie im Haus des Herrn sein durften. Und dann erzählten sie, wie Präsident Gordon B. Hinckley, damals Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft, auf unseren Sohn Igor zugetreten war und sich durch einen Dolmetscher mit ihm unterhalten hatte.


„Wie alt bist du, mein Junge?”, fragte Präsident Hinckley.
„Zehn”, antwortete Igor.
„Versprichst: du mir hier im Haus des Herrn, daß du später auf Mission gehen wirst, auch wenn das sehr schwierig ist ?”
„Ich verspreche es”, antwortete Igor leise.
Dann wandte sich Präsident Hinckley unserer Tochter.
„Und du, mein Mädchen, versprichst du mir, daß du rein bleibst, damit du eines Tages im Haus des Herrn die Ehe eingehen kannst?”
Schüchtern gab sie dieses Versprechen.
Wir alle weinten, als wir an die wundersamen Ereignisse dachten, deren Zeuge wir geworden waren, und an das, was die Kinder versprochen hatten.
Inzwischen sind über zehn Jahre vergangen, und Präsident Hinckley ist Präsident der Kirche geworden. Mein Mann und ich durften miterleben, wie unsere beiden Kinder den Pfeilen des Widersachers stand-gehalten und das erfüllt haben, was sie als Kinder versprochen haben. Igor hat dem Herrn in der Mission Vifla del Mar gedient, und seine Schwester Perlita hat im Santiago-Tempel mit einem ehemaligen Missionar die Ehe geschlossen — in demselben Tempel, wo sie und ihr Bruder einem Diener des Herrn ein Versprechen gegeben und miterlebt haben, wie ein Traum in Erfüllung ging.
Perla Carcia de Bravo, Mai 1996

18.4.08 09:30

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