Tempel und Tempelarbeit

Die Tempelehe, auf die ich gewartet habe

Als ich vor mehreren Jahren mein Studium an der Brigham-Young-Universität abgeschlossen hatte, fühlte ich mich vom Geist bewegt, in meine Heimatstadt Sanford im Bundesstaat Maine im Nordosten der Vereinigten Staaten zurückzukehren. Eigentlich wollte ich nicht dorthin zurück. Ich war inzwischen 27 Jahre alt, ledig und mir über meine erfolgversprechendsten Ziele im klaren: Heirat, Weiterverfolgung meiner Ausbildung oder Karriere als Journalistin. Und ich glaubte nicht daran, daß ich auch nur eins dieser Ziele in Maine verwirklichen könnte.
Doch trotz meiner Bedenken kehrte ich nach Hause zurück, weil ich spürte, daß der Herr mich dort haben wollte, und hoffte, er werde mir hei meinen Plänen helfen. Obwohl es mit der Wirtschaft schlecht bestellt war, fand ich eine Stelle als Reporterin bei einer Wochenzeitung.
Ich dankte dem Herrn beim Beten dafür, daß ich so schnell eine gute Stelle gefunden hatte.
Doch obwohl ich meine berufliche Laufbahn nun begonnen hatte, dachte ich weiter an mein anderes Ziel, nämlich das Heiraten. Weil ich schon mein ganzes Leben lang zur Kirche gehörte, war mir während meiner Teenagerjahre immer wieder deutlich gemacht worden, wie wichtig die ewige Ehe ist. Und ich habe auch nie etwas anderes als die Tempelehe in Betracht gezogen.
Und doch hatte ich vier Jahre an der Brigham-Young-Universität verbracht, wo viele tausend junge Mitglieder ihren Gefährten bzw. ihre Gefährtin für die Ewigkeit finden, ohne jemals einen Heiratsantrag bekommen zu haben.
In Maine dagegen hatte ich mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen: dort gab es ganz einfach kaum männliche Heilige der Letzten Tage. Ich fing an, mit einem jungen Mann namens James auszugehen, der nicht in der Kirche aktiv war. Als ich merkte, daß er noch ein Zeugnis von Jesus Christus und vom Evangelium besaß, begann ich zu hoffen, er werde in die Kirche zurückkehren. Ich betete oft darum, daß der Herr ihm dabei helfen möge.
Als ich anfing, mich in James zu verlieben, begann ich, inbrünstiger zu beten. James fing an, regelmäßig zur Kirche zu gehen, aber ein Jahr später hatte er noch immer mit dem Wort der Weisheit zu kämpfen. Er bat mich mehrmals, ihn zu heiraten, aber ich wollte ihm mein Jawort unter diesen Umständen nicht geben. Trotzdem entwickelte sich in mir das Gefühl, daß James der Richtige für mich war.

Schließlich wurde mir bewußt, daß ich die Entscheidung nicht immer wieder hinausschieben konnte. Ich liebte James und glaubte daran, daß der Herr mit unserer Verbindung einverstanden war. Deshalb, stimmte ich einer standesamtlichen Trauung unter der Maßgabe zu, daß wir uns bemühen würden, später im Tempel gesiegelt zu werden. Das war eine zweischneidige Entscheidung: einerseits liebte ich James, doch andererseits fiel es mir schwer, mich mit dem Gedanken anzufreunden, daß wir nur für das irdische Leben und nicht für die Ewigkeit getraut werden würden.
Trotzdem hielt ich an meiner Entscheidung fest. Als ich am Abend vor der Hochzeit zu Bett ging, begann ich, mich unwohl und krank zu fühlen. Natürlich hatte ich von Bräuten gehört, die kurz vor der Hochzeit in Panik gerieten, und ich glaubte nun, mir ginge es ebenso. Doch leider verging das ungute Gefühl im Laufe der Nacht nicht; je mehr der Morgen heranrückte, desto unerträglicher wurde die innere Spannung. Bilder zuckten mir durch den Sinn, in denen ich mir ausmalte, wie mein zukünftiges Leben ohne die Eheschließung im Tempel verlaufen würde. Ich sah mich allein oder vielleicht auch gar nicht mehr zur Kirche gehen und hatte Angst, daß einer von uns sterben könnte, ehe wir es in den Tempel geschafft hatten.
Völlig aufgelöst und durcheinander suchte ich nur wenige Stunden vor der Hochzeit Rat bei meinem Bischof. Während ich mit ihm sprach und einen Priestertumssegen empfing, bezeugte nur der Geist, daß ich meine Heiratspläne aufgeben sollte. Obwohl es James und auch mir sehr wehtat, sagte ich die Hochzeit ab. Doch trotz meiner Traurigkeit spürte ich einen beruhigenden Einfluß und inneren Frieden.
Während der folgenden 'Tage weinte und betete ich viel und dachte über die Situation und meine nächsten Schritte nach. Mir wurde bewußt, daß ich bei meiner Entscheidung nicht den Herrn an die erste Stelle gerückt hatte, sondern meinen Wunsch nach Heirat. Statt daran zu glauben, daß der Herr mir helfen würde, das rechtschaffene Ziel der ewigen Ehe zu erreichen, hatte ich aufgegeben und mir eingeredet, eine standesamtliche Trauung sei das beste, was ich unter den gegebenen Umständen erreichen konnte.
Ich nahm mir vor, den Herrn an die erste Stelle zu rücken, und betete um Vergebung dafür, daß ich zuwenig Glauben gehabt und mich in die Irre hatte führen lassen. Da spürte ich, wie die Last von mir wich und wie ich innere Kraft gewann. Ich wußte, daß der Herr mir in dieser schwierigen Situation helfen würde, und konnte .sagen: „Dein Wille geschehe”, auch wenn das vielleicht bedeutete, daß ich James nicht heiratete.
Zuerst merkte ich gar nicht, daß James etwas Ähnliches durchmachte. Auch er nahm sich vor, den Herrn an die erste Stelle zu rücken. Es war so schön, zuzuschauen, wie er sich veränderte und würdig in den Augen des Herrn wurde. Kurz danach empfing er das Melchisedekische Priestertum und bat mich, ihn im Washington-Tempel zu heiraten.
Heute sind James und ich in der Gemeinde Stanford in Maine aktiv. Ich bin überglücklich wegen der Segnungen, die der Herr mir geschenkt hat. Und ich bin so dankbar dafür, daß er mehr Einsicht besitzt als ich und wußte, daß die Heirat im Tempel ein realistisches Ziel für mich war.
Patricia E. Mclnnis, April 1997

20.3.08 13:29

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